Antibiotika lähmen den gesunden Mix im Darm
Der Darm ist kein Freund von Antibiotika. Nun fand ein US-Forscher heraus: Das Medikament kann unsere Darmflora auch dauerhaft aus der Bahn werfen. Antibiotika töten die Bakterien im Bauch ab und unterscheiden nicht zwischen gut und böse. So entstehen chronische Krankheiten und dauerhafte Gesundheitsprobleme.
09.10.10|dapd Von Lauran NeergaardDass Antibiotika bei vielen Menschen Verdauungsprobleme verursachen, ist allseits bekannt. Aber die wiederholte Einnahme solcher Medikamente verändert einer Studie zufolge auch die natürliche Bakterienvielfalt im Darm über längere Zeit. Immer mehr Untersuchungen zeigen, wie wichtig der individuelle Bakterienzoo eines Menschen für seine Gesundheit ist.
Manche Forscher vermuten, dass insbesondere die Einnahme von Antibiotika in der frühen Kindheit Immunstörungen wie Allergien oder Asthma auslösen kann. Denn die Medikamente sind grundsätzlich nicht wählerisch: Sie töten nützliche Bakterien ebenso ab wie die üblen Keime, gegen die sie verordnet werden. David Relman von der Universität Stanford wollte ermitteln, wie lange die Mikrobenvielfalt im Darm braucht, um sich wieder zu erholen. Daher ließ er drei gesunde Frauen, die länger keine Antibiotika verwendet hatten, wiederholt im Abstand von sechs Monaten das vergleichsweise milde Präparat Ciprofloxacin für die Dauer von jeweils fünf Tagen einnehmen.
Im ersten Durchgang klagte zwar keine der Frauen über Durchfall oder Übelkeit. Aber Stuhlproben enthüllten, was sich unter der vermeintlich ruhigen Oberfläche tat. Ein Drittel bis die Hälfte der Bakterienarten verschwand nahezu ganz, dafür drängten andere Mikroorganismen in die frei gewordene Lücke. Nach einer Woche hatte sich die ursprüngliche Bakterienverteilung aber bei zwei der drei Frauen wieder eingestellt. Nur bei der dritten Probandin waren die Keimkolonien noch ein halbes Jahr später verändert.
- Der zweite Antibiotika-Durchgang setzte den Darmkeimen anfangs wieder in ähnlichem Maße zu. Aber diesmal normalisierte sich - anders als zuvor – die Darmflora bis zum Ende der Studie zwei Monate später bei keiner der drei Frauen.
Der Forscher will nun klären, welche Wirkung Antibiotika in den ersten beiden Lebensjahren haben – also genau dann, wenn Kleinkinder ihre ureigensten Keimkolonien aufbauen. Möglicherweise steigern die Medikamente in dieser Phase das Risiko für spätere Probleme des Immunsystems.
Denn jeder Mensch kommt mit einem mehr oder weniger sterilen Verdauungstrakt zur Welt. Der wird binnen Tagen von verschiedensten Keimen besiedelt. Die stammen von den Eltern, aus der Umgebung, von der ersten Nahrung. Nach und nach steigt die Vielfalt im Darm eines gesunden Menschen auf Hunderte Mikrobenarten, von denen viele der Verdauung und dem Immunsystem nützliche Dienste erweisen.
Forscher wissen etwa, dass fettleibige Menschen andere Darmkeime tragen als schlanke Personen. Schon eine Diät kann die Keimkolonien verändern. Zudem könnten veränderte Bakterienkolonien auch an Erkrankungen beteiligt zu sein, etwa an der Entstehung von Polypen, einer Vorform von Darmkrebs.
Zwar sollten Antibiotika ohnehin grundsätzlich sparsam verwendet werden, allein schon wegen der Gefahr, dass bakterielle Krankheitserreger Resistenzen dagegen entwickeln*. Aber die neue Studie zeigt, dass sie auch nützlichen Bakterien zusetzen, mit unabsehbaren Risiken für die spätere Gesundheit. “Wir sollten anfangen, mehr darauf darauf achten“, sagt der Mikrobiologe Martin Blaser von der Universität New York, der nicht an der Studie beteiligt war. “Der Einsatz von Antibiotika hat auch aus biologischer Sicht seinen Preis.“
*Immer mehr Keime zeigen Resistenzen gegen Antibiotika und selbst bislang harmlose Krankheitserreger wie die Escherichia-coli-Bakterien werden immer aggressiver und verursachen neuerdings auch Blutvergiftungen.
dapd
Hier ein Bericht desselben Forschungsinstituts von 2008:
In der kostenfrei zugänglichen Online-Zeitschrift PloS Biology ( http://biology.plosjournals.org/) haben Wissenschaftler im November 2008 über die bisher gründlichste Untersuchung der Auswirkungen einer Antibiotikabehandlung auf die Darmflora berichtet.
Der Darm ist das dicht besiedelteste natürliche bakterielle Ökosystem, das man kennt. Bis zu 10 Billionen einzelne Mikroben sind im Darm vorhanden. Die mikrobielle Darmflora hat eine Fülle von Aufgaben bei Verdauung, Krankheits-Resistenz, der Regulation der Immunantwort usw. Das wirft Fragen nach den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der Störung der Darmflora durch eine Antibiotikabehandlung auf. Weil bestimmte Mikroben eine Reihe von chemischen Vorgängen im Darm steuern, könnten Veränderungen in der Zusammensetzung der mikrobiellen Besiedlung des Darms wichtige, bisher aber noch nicht bekannte Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Mit einer neuen Methode zur Identifikation verschiedener Typen von Bakterien...( haben Forscher) der Stanford-Universität mindestens 3.300 bis 5.700 verschiedene "Taxa" (genetisch verschiedene Typen) von Bakterien im distalen menschlichen Darm identifiziert.
Die Antibiotika-Behandlung hat die Häufigkeit des Vorkommens etwa eines Drittels dieser Bakteriengruppen beeinflusst: "Einige vor der Behandlung selten auftretende Bakterien können häufiger vorkommen, und die Häufigkeit einiger dominanter Bakterien kann abnehmen. Solche Veränderungen können anhaltend sein", erklärte Sogin. Bei allen in der Studie getesteten Personen hat sich die bakterielle Besiedlung innerhalb von vier Wochen nach Behandlungsende zwar erholt, aber sie ähnelte nur weitestgehend wieder der vor der Antibiotikagabe: einige Bakterientypen hatten sich auch nach sechs Monaten noch nicht wieder erholt. Bakterien, die normalerweise keine Probleme verursachen, könnten dann Krankheiten verursachen.
Die Studie ist Teil einer großen internationalen Untersuchung, die die Mikroben im Darm vollständig bestimmen soll. Die Erforschung der Darmflora ist durch neue Methoden einfacher geworden. Die Veröffentlichung (engl.) ist kostenfrei zugänglich: Dethlefsen L, Huse S, Sogin ML, Relman DA (2008) The Pervasive Effects of an Antibiotic on the Human Gut Microbiota, as Revealed by Deep 16S rRNA Sequencing. PLoS Biol 6(11): e280,doi:10.1371/journal.pbio.0060280, Published: November 18, 2008, http://dx.doi.org/10.1371/journal.pbio.0060280
