Dienstag, 17. Mai 2011

Antibiotika

Neues Wissen über Antibiotika:

Antibiotika lähmen den gesunden Mix im Darm

Der Darm ist kein Freund von Antibiotika. Nun fand ein US-Forscher heraus: Das Medikament kann unsere Darmflora auch dauerhaft aus der Bahn werfen. Antibiotika töten die Bakterien im Bauch ab und unterscheiden nicht zwischen gut und böse. So entstehen chronische Krankheiten und dauerhafte Gesundheitsprobleme.
09.10.10|dapd Von Lauran Neergaard
Dass Antibiotika bei vielen Menschen Verdauungsprobleme verursachen, ist allseits bekannt. Aber die wiederholte Einnahme solcher Medikamente verändert einer Studie zufolge auch die natürliche Bakterienvielfalt im Darm über längere Zeit. Immer mehr Untersuchungen zeigen, wie wichtig der individuelle Bakterienzoo eines Menschen für seine Gesundheit ist.
Manche Forscher vermuten, dass insbesondere die Einnahme von Antibiotika in der frühen Kindheit Immunstörungen wie Allergien oder Asthma auslösen kann. Denn die Medikamente sind grundsätzlich nicht wählerisch: Sie töten nützliche Bakterien ebenso ab wie die üblen Keime, gegen die sie verordnet werden.
David Relman von der Universität Stanford wollte ermitteln, wie lange die Mikrobenvielfalt im Darm braucht, um sich wieder zu erholen. Daher ließ er drei gesunde Frauen, die länger keine Antibiotika verwendet hatten, wiederholt im Abstand von sechs Monaten das vergleichsweise milde Präparat Ciprofloxacin für die Dauer von jeweils fünf Tagen einnehmen.
Im ersten Durchgang klagte zwar keine der Frauen über Durchfall oder Übelkeit. Aber Stuhlproben enthüllten, was sich unter der vermeintlich ruhigen Oberfläche tat. Ein Drittel bis die Hälfte der Bakterienarten verschwand nahezu ganz, dafür drängten andere Mikroorganismen in die frei gewordene Lücke. Nach einer Woche hatte sich die ursprüngliche Bakterienverteilung aber bei zwei der drei Frauen wieder eingestellt. Nur bei der dritten Probandin waren die Keimkolonien noch ein halbes Jahr später verändert.
Der zweite Antibiotika-Durchgang setzte den Darmkeimen anfangs wieder in ähnlichem Maße zu. Aber diesmal normalisierte sich - anders als zuvor – die Darmflora bis zum Ende der Studie zwei Monate später bei keiner der drei Frauen.
Die Untersuchung zeigt exemplarisch das fragile Gleichgewicht, das der Mensch mit seinem Mikrobiom teilt – also jenen Billionen Mitbewohnern, die sich etwa auf der Haut oder in der Nase tummeln. Viele sind von ihnen sind nicht nur nützlich, sondern gar extrem wichtig. Dies gilt vor allem für die Bakterien des Darms, deren Rolle jahrelang unterschätzt wurde. “Die Gemeinschaften des Verdauungstraktes sind grundlegend für die Entwicklung unseres Immunsystems“, betont Relman, dessen Studie im renommierten Fachblatt “PNAS“ veröffentlicht wurde. “Wir sollten sie nicht für garantiert nehmen.“
Der Forscher will nun klären, welche Wirkung Antibiotika in den ersten beiden Lebensjahren haben – also genau dann, wenn Kleinkinder ihre ureigensten Keimkolonien aufbauen. Möglicherweise steigern die Medikamente in dieser Phase das Risiko für spätere Probleme des Immunsystems.
Denn jeder Mensch kommt mit einem mehr oder weniger sterilen Verdauungstrakt zur Welt. Der wird binnen Tagen von verschiedensten Keimen besiedelt. Die stammen von den Eltern, aus der Umgebung, von der ersten Nahrung. Nach und nach steigt die Vielfalt im Darm eines gesunden Menschen auf Hunderte Mikrobenarten, von denen viele der Verdauung und dem Immunsystem nützliche Dienste erweisen.
Forscher wissen etwa, dass fettleibige Menschen andere Darmkeime tragen als schlanke Personen. Schon eine Diät kann die Keimkolonien verändern. Zudem könnten veränderte Bakterienkolonien auch an Erkrankungen beteiligt zu sein, etwa an der Entstehung von Polypen, einer Vorform von Darmkrebs.
Zwar sollten Antibiotika ohnehin grundsätzlich sparsam verwendet werden, allein schon wegen der Gefahr, dass bakterielle Krankheitserreger Resistenzen dagegen entwickeln*. Aber die neue Studie zeigt, dass sie auch nützlichen Bakterien zusetzen, mit unabsehbaren Risiken für die spätere Gesundheit. “Wir sollten anfangen, mehr darauf darauf achten“, sagt der Mikrobiologe Martin Blaser von der Universität New York, der nicht an der Studie beteiligt war. “Der Einsatz von Antibiotika hat auch aus biologischer Sicht seinen Preis.“
*Immer mehr Keime zeigen Resistenzen gegen Antibiotika und selbst bislang harmlose Krankheitserreger wie die Escherichia-coli-Bakterien werden immer aggressiver und verursachen neuerdings auch Blutvergiftungen.
dapd

Hier ein Bericht desselben Forschungsinstituts von 2008:

In der kostenfrei zugänglichen Online-Zeitschrift PloS Biology ( http://biology.plosjournals.org/) haben Wissenschaftler im November 2008 über die bisher gründlichste Untersuchung der Auswirkungen einer Antibiotikabehandlung auf die Darmflora berichtet.

Der Darm ist das dicht besiedelteste natürliche bakterielle Ökosystem, das man kennt. Bis zu 10 Billionen einzelne Mikroben sind im Darm vorhanden. Die mikrobielle Darmflora hat eine Fülle von Aufgaben bei Verdauung, Krankheits-Resistenz, der Regulation der Immunantwort usw. Das wirft Fragen nach den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der Störung der Darmflora durch eine Antibiotikabehandlung auf. Weil bestimmte Mikroben eine Reihe von chemischen Vorgängen im Darm steuern, könnten Veränderungen in der Zusammensetzung der mikrobiellen Besiedlung des Darms wichtige, bisher aber noch nicht bekannte Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Mit einer neuen Methode zur Identifikation verschiedener Typen von Bakterien...( haben Forscher) der Stanford-Universität mindestens 3.300 bis 5.700 verschiedene "Taxa" (genetisch verschiedene Typen) von Bakterien im distalen menschlichen Darm identifiziert.

Die Antibiotika-Behandlung hat die Häufigkeit des Vorkommens etwa eines Drittels dieser Bakteriengruppen beeinflusst: "Einige vor der Behandlung selten auftretende Bakterien können häufiger vorkommen, und die Häufigkeit einiger dominanter Bakterien kann abnehmen. Solche Veränderungen können anhaltend sein", erklärte Sogin. Bei allen in der Studie getesteten Personen hat sich die bakterielle Besiedlung innerhalb von vier Wochen nach Behandlungsende zwar erholt, aber sie ähnelte nur weitestgehend wieder der vor der Antibiotikagabe: einige Bakterientypen hatten sich auch nach sechs Monaten noch nicht wieder erholt. Bakterien, die normalerweise keine Probleme verursachen, könnten dann Krankheiten verursachen.

Die Studie ist Teil einer großen internationalen Untersuchung, die die Mikroben im Darm vollständig bestimmen soll. Die Erforschung der Darmflora ist durch neue Methoden einfacher geworden. Die Veröffentlichung (engl.) ist kostenfrei zugänglich: Dethlefsen L, Huse S, Sogin ML, Relman DA (2008) The Pervasive Effects of an Antibiotic on the Human Gut Microbiota, as Revealed by Deep 16S rRNA Sequencing. PLoS Biol 6(11): e280,doi:10.1371/journal.pbio.0060280, Published: November 18, 2008, http://dx.doi.org/10.1371/journal.pbio.0060280

Montag, 16. Mai 2011

Keineswegs harmlos: Paracetamol & Co.


Die Schmerzbehandlung ist eine Erfolgsgeschichte der Homöopathie. Voraussetzung dafür ist es, Schmerzen ernst zu nehmen. Die Einnahme von Schmerzmitteln mag als die einfachere, schnellere und billigere Methode erscheinen, doch sie geht oft auf Kosten der Gesundheit. In meiner Praxis sehe ich viele gute Erfahrungen in der homöopathischen Behandlung von Rückenschmerzen und Migräne bei Erwachsenen sowie von Zahnungs-Schmerzen bei Babys und Kleinkindern.


Ein Artikel von Harro Albrecht, erschienen in der ZEIT am 10.2.2011, hier gekürzt und auszugsweise wiedergegeben. Hervorhebungen von mir.

Schmerz, lass nach

Die Deutschen schlucken massenhaft Schmerzmittel. Schon bei normaler Dosierung können Tabletten gefährlich sein.
Fast 70 Prozent der Frauen und mehr als 50 Prozent der Männer werden im Verlauf eines Jahres von Kopfschmerzen heimgesucht. Ähnlich verbreitet sind Rückenschmerzen, die rund 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage verursachen – so fasst es bereits ein Gesundheitsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2002 zusammen. Schmerzen sind ein Massenphänomen – und so werden sie auch meist behandelt: sorglos und oft ganz ohne Rücksprache mit einem Arzt. Ein halbes Dutzend Wirkstoffe gegen Schmerzen sind frei verkäuflich. Eine Packung Paracetamol gibt es schon zum Preis von zwei Mohnbrötchen. Der schnelle Griff zur Tablette löst die Probleme oft nicht und schadet mehr, als viele Laien ahnen.
Was den wenigsten Patienten bewusst ist: Werden Schmerzmittel (»Analgetika«) zu oft eingenommen, lösen sie selbst Schmerz aus. Jeder zehnte Kopfschmerzpatient leidet aus diesem Grund unter Dauerschmerzen. Fast zynisch klingt da der Hinweis auf dem Beipackzettel des populären Präparats Thomapyrin: »Bei längerem hoch dosiertem, nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch von Schmerzmitteln können Kopfschmerzen auftreten, die nicht durch erhöhte Dosen des Arzneimittels behandelt werden dürfen« – doch wie soll man die einen Schmerzen von den anderen unterscheiden?
Leiter der Kieler Schmerzklinik, Hartmut Göbel: „Ich habe einmal ausgerechnet, dass in Deutschland für Schmerzmittel in Apotheken mehr ausgegeben wird als für Brot beim Bäcker. Schmerzmittel ist eigentlich gar nicht mehr das richtige Wort, es sind Lebensmittel.«
Tatsächlich geben die Deutschen für rezeptfrei verfügbare Analgetika jährlich rund 900 Millionen Euro aus. 10 der 20 am häufigsten frei verkäuflichen Arzneien sind Schmerzmittel: Acetylsalicylsäure, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen, Paracetamol und ihre Kombinationspräparate. Zwar stagniert der Absatz von Paracetamol, dafür steigt der von Ibuprofen und Diclofenac.
Laien ist vielleicht noch bekannt, dass Acetylsalicylsäure Magenblutungen auslösen kann und bei hohen Dosen Paracetamol Leberschäden drohen. Doch immer wieder zeigen Studien, dass frei verkäufliche Analgetika gefährlich sein können – selbst bei Gebrauch gemäß Beipackzettel.
Erst Mitte Januar hat das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern eine Metaanalyse von insgesamt 31 Studien zu Nebenwirkungen häufig gebrauchter Medikamente vorgelegt. Darunter waren die Wirkstoffe Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen. Die Autoren um Peter Jüni haben die Risiken für Herzinfarkt und Schlaganfall untersucht. Bei 11.429 Patienten fanden sie 554 Herzinfarkte und 377 Schlaganfälle. Im British Medical Journal präsentierten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse mit kühler Statistik und Sätzen voller Abwägungen. Auf Nachfrage wird Jüni sofort deutlicher: »Es ist höchst wahrscheinlich, dass die Medikamente das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall um den Faktor zwei bis vier erhöhen. Das ist beträchtlich!« – besonders für ältere Menschen mit vorgeschädigten Blutgefäßen kann das eine Gefahr bedeuten.
Ein weit verbreitetes Präparat fehlt in der Metaanalyse. Es ist die Nummer zwei aller in derfrei verkauften Medikamente (nach einem Nasenspray): Paracetamol. »Das Schlimme ist: Es ist nicht nur eine sehr gefährliche Substanz, sondern sie gilt als besonders harmlos«, sagt Kay Brune, Pharmakologe und Toxikologe an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er verweist auf eine Studie im Fachjournal The Journal of the American Medical Association von US-Medizinern der Universität von North Carolina in Chapel Hill. Sie hatten junge Paracetamol-Konsumenten untersucht und in 27 Prozent der Fälle Zeichen von reversiblen Leberschäden gefunden – obwohl keiner die zugelassene Dosierung überschritten hatte. Brune beobachtet die Nachrichtenlage mit Sorge: »Es gab unendlich viele Einzelfall- und Gruppenmeldungen, dass es auch bei erlaubter Dosierung zu akutem Leberversagen kommt.« Das gilt erst recht, wenn jemand mehr als zehn Gramm Paracetamol auf einmal schluckt, die rezeptfrei erhältliche Menge. Am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte entschied daher der zuständige Sachverständigenausschuss, dass Apotheken von April vergangenen Jahres an nur noch maximal zehn Gramm Paracetamol pro Packung an Kunden ohne Rezept abgeben dürfen. Einer der Sachverständigen war Brune. Er hatte fünf Gramm als Höchstgrenze gefordert – die drei Vertreter der Industrie im Gremium stimmten dagegen.
Es ist paradox: Weil Paracetamol – wie auch Aspirin – aus der Frühzeit synthetischer Arzneimittel stammt, durchlief es nur Tests, die im Vergleich zum heutigen Zulassungsprozedere wie ein Witz wirken. So fand Peter Jüni für Paracetamol nicht genug aussagekräftige Untersuchungen über Nebenwirkungen. Das sei schon deshalb so, weil der Patentschutz lange abgelaufen ist und aufwändige Nachforschungen sich für die Hersteller nicht rechnen. Dafür aber läuft bereits seit Jahrzehnten der Test qua Massengebrauch.
Beunruhigende neue Hinweise über potenzielle Gefahren in der Fachliteratur änderten bislang nichts am Alltagskonsum. Immer wieder tauchte in den vergangenen Jahren der Verdacht auf, dass Paracetamol, während der Schwangerschaft eingenommen (oder direkt an kleine Kinder gegeben), zu Asthma führt. »Die verfügbaren Daten rechtfertigen eine Warnung der Bevölkerung vor unkritischer Einnahme«, fassten Forscher aus Osnabrück 2009 in der Fachzeitschrift Current Allergy Asthma Report zusammen. Und im vergangenen November stellte eine Studie aus Århus in Dänemark an über 47000 Neugeborenen einen Zusammenhang her zwischen der Paracetamol-Einnahme über vier Wochen in den ersten sechs Monaten der Schwangerschaft und 980 Fällen von Hodenhochstand. Dieser kann im späteren Leben zur Zeugungsunfähigkeit führen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Studie aus Dänemark, Finnland und Frankreich. Frauen, die Paracetamol und Ibuprofen einnahmen, erhöhten das Risiko sogar um das siebenfache. Schmerzarzt Göbel sagt, er könne inzwischen keiner Schwangeren mehr zu Paracetamol raten. In den Behandlungsleitlinien der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft wird dies noch empfohlen.
Die Zahl der kritischen Studien und Expertenwarnungen wächst. Nur langsam werden die Pharmakontrolleure hellhörig. So prüft das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zusammen mit der Europäischen Arzneimittelagentur die neuen »Signale«. Die US-Arzneimittelbehörte FDA beabsichtigt, die erlaubte Höchstmenge von Paracetamol pro Tablette auf 325 Milligramm zu senken. Und das Bundesgesundheitsministerium in Berlin teilt mit, in »absehbarer Zeit« solle die Arzneimittelverschreibungsverordnung im Hinblick auf entzündungshemmende Schmerzmittel geändert werden. Das BfArM lege entsprechende Konzepte in den nächsten Wochen vor.
Über Jahrzehnte haben sich Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Co. als harmlose Alltagshelfer etabliert. Das hat zu der Erwartungshaltung »Schmerzfrei, sofort!« geführt. Ein Irrweg, findet Hartmut Göbel. Im Rahmen der Umfrage Gläserne Schule fand Göbel heraus, dass bis zu 40 Prozent aller Schüler in Schleswig-Holstein über Kopfschmerzen klagten – und Schmerzmittel einnahmen. »Wir haben hier Patienten, die bis zu 30 Thomapyrin am Tag eingenommen haben«, sagt Hartmut Göbel. Eine Weile halte der Körper das aus. Dann stellen sich Nebenwirkungen ein: Depressionen, Magen-Darm-Störungen, Leberprobleme. »Bis dann Leute mit 35, 40 Jahren nicht mehr können.«